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Wie die Angst vor Höhen mich stark gemacht hat

„Ich habe Angst“. Dieser Satz kann viele Bedeutungen haben. Die einen haben so viel Angst vor einer Spinne, dass sie sofort den Raum verlassen müssen. Andere finden sie nur ein bisschen eklig und sagen trotzdem „Ich habe Angst vor Spinnen“. Der Nächste hat Angst vor engen Räumen und empfindet das überfüllte Konzert als zweistündige Qual. Während jemand anders es genießt, in der Menge zu verschwinden.

Angst hat verschiedene Bedeutungen, Größen und Formen. Sie kann überwältigend sein, gruselig, unvorhersehbar, unberechenbar und einschüchternd – oder: sie macht einen stark.

Der Weg ist die Kunst

„Ängste überwinden“ klingt für mich schon fast abgedroschen. Aus dem einfachen Grund, dass es so oft gesagt und erzählt wird. Was mich daran so stört: es wird viel zu oft verdammt einfach dargestellt. Dass der Weg dahin mit viel Mut, Stärke und Selbstbewusstsein verbunden ist, erkennt man erst, wenn man selber gegen seine Ängste ankämpft.

kleine Schlucht

Meine persönliche Angst war immer die Höhe. Selbst eine große Leiter hat mich früher zittern und kalkweiß im Gesicht werden lassen. War der Boden unter mir nicht mehr in Reichweite, fühlte ich mich klein und machtlos. Vor allem aber schrie jede Faser meines Körpers: „Du bist hier nicht sicher, wir müssen hier ganz schnell weg“. Das ist auch heute noch so. Denn – und das war das erste was ich lernen musste: die Angst geht nicht einfach weg. Man kann nicht einfach beschließen, dass man etwas von heute auf morgen nicht mehr schlimm findet. Aber man kann lernen damit umzugehen. Man kann lernen, seinem Körper zu sagen: „Wir schaffen das“.

Dass ich die Höhe irgendwann nicht mehr schlimm finde, war für mich sehr lange undenkbar. Dazu kam, dass ich es auch nicht notwendig fand. Schließlich zwang mich ja niemand auf die Leiter zu steigen oder in den Kletterpark zu gehen.

Schlucht

Wenn der Ehrgeiz sich breit macht

Bis ich das erste Mal Bouldern war. „Das ist nicht ganz so hoch, das schaffst du auch“, sagten mir meine Freunde damals. Ja… genau! Jemand der eine Leiter zu hoch findet, hat auch nach drei Klettergriffen und 50 Zentimetern über dem Boden Schweißperlen auf der Stirn stehen. Und trotzdem: etwas in mir wollte das schaffen. Aus irgendeinem Grund hatte mich der Ehrgeiz gepackt, als ich sah, wieviel Spaß die erfahrenen Kletterer an der Wand hatten. Wie spielerisch leicht sie sich von Griff zu Griff manövrierten. Und mit einem breiten Grinsen oben ankamen.

Mit jedem Mal Bouldern ging es für mich also ein Steinchen höher. Bis ich irgendwann oben angekommen war. Für mich kam das der Besteigung des Mount Everests gleich, auch wenn ich tatsächlich gerade mal vier Meter über dem Boden war. Das war der erste Schritt – und das zweite, das ich gelernt hatte: Ängste überwinden passiert in kleinen Baby-Steps! Das mag nerven oder dem ein oder anderen zu langsam gehen. Doch nur so habt ihr auch langfristig etwas davon.

Eine Klettertour die alles änderte

Der letzte Baby-Step für mich war ein Klettersteig in Kärnten. Mich im Freien vom Boden weg zu bewegen war nochmal etwas ganz Anderes. Zu meinem Glück hatten wir einen super erfahrenen du extrem netten Bergführer dabei, der um meine Angst wusste. Wir fingen zunächst an einem kleinen Felsen an, lernten, wie wir uns vernünftig sicherten. Jeder kleine Schritt von mir stieß auf Anerkennung bei unserem Bergführer. Und das obwohl ich genau wusste, dass meine zittrigen Kletterversuche, die meistens nach einem Meter endeten, ganz schön kläglich ausgesehen haben müssen.

Dann ging es los auf die Tour. Ich wusste vorher überhaupt nicht, was da auf mich zu kam. Zum Glück, denn sonst hätte ich mich wahrscheinlich nie freiwillig auf den Weg gemacht. Nach und nach verschwanden wir mehr und mehr im Berg. Zwischen Felsvorsprüngen, Schluchten und kleinen Höhlen. Ich war unfassbar fasziniert von der Natur, die ich womöglich sonst nie zu Gesicht bekommen hätte. Die ruhige und immer zuversichtliche Art unseres Bergführers ließ mich entspannt bleiben und darauf vertrauen, dass mir hier wirklich nichts passieren konnte.

Schlucht

Über die Grenze hinaus

Kurz vor Ende der Tour kam mein „Endgegner“. Während ich noch fasziniert die kleine Welt, die sich unter uns am Fuß des Berges auftat, betrachtete, hakte mich der Bergführer in die nächste Sicherung ein. Eigentlich hatte ich gedacht, wir wären durch. Nunja, fasch gedacht! Vor uns breitet sich eine circa 20 Meter tiefe Schlucht aus. Darüber gespannt: Zwei ziemlich wacklige Stahlseile. In dem Oberen davon hing bereits mein Sicherungsseil. „Wir gehen da doch wohl nicht drüber?“, fragte ich ungläubig, kurz davor die Angsttränen nicht mehr zurückhalten zu können. „Doch genau, das ist gar kein Problem“ sagte unser Bergführer, der mir zum ersten Mal an diesem Tag selbst mit seiner tollen Art keinen Mut zusprechen konnte. Da war sie: die Angst, die ich überwinden musste. Als ich den ersten Fuß auf das Seil stellte war mir klar: Du musst hier runter. „Zurück gehen funktioniert jetzt nicht mehr“, sagte der Bergführer mit verständnisvollem und zugleich fordernden Blick. Also fing ich an einen Fuß vor den anderen zusetzen.

Im Nachhinein wäre eine Schildkröte schnell gegen mich gewesen. Doch die knapp drei Metern kamen wir vor wie Kilometer. Desto weiter ich mich in die Mitte bewegte, desto wackliger wurde die Sache. Und desto zittriger mein Körper. Alles in mir wollte von diesem Seil runter, Boden unter den Füßen haben. Ich krallte mich verzweifelt am oberen Seil fest. „Ich weiß wie schwer dir das fällt, aber dass du es machst, zeigt wie stark du bist“, rief mir der Bergführer entgegen.

Klettern

Wir entscheiden – nicht die Angst!

Dieser Satz hallt bis heute nach. Mit den paar Worten hat der Bergführer mir gezeigt, dass jeder noch so kleine Versuch, jeder noch so kleine Schritt, ein Schritt in die richtige Richtung ist. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich dann an der anderen Seite an. Und wurde von einer Welle von Gefühlen überwältigt. Ich war erschöpft, stolz, zitterte, war den Tränen nah aber vor allem war ich eines: erleichtert und ein kleines bisschen stärker. Ich hatte meine Höhenangst überwunden.

Es wird mir nach wie vor schwerfallen, einfach so über eine Schlucht zu spazieren. Doch es hat mir gezeigt, dass Ängste nicht mein Leben bestimmen müssen. Und dass ich ganz alleine, nicht die Angst, entscheiden kann, ob ich etwas tue oder nicht.

Heute gehe ich sogar gerne klettern, liebe es zu bouldern und ab und zu trau ich mich sogar in der freien Natur zu Klettern. Aus einer Angst ist ein Hobby geworden. Welches ich nach wie vor mit viel Respekt angehe – doch gleichzeitig mit einer Menge Spaß, Stolz und Selbstbewusstsein!

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